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Essay 3 · Uwe Ruppenthal

Identität

Der Begriff Identität kann sich auf eine Person oder auch auf eine Gemeinschaft oder Gruppe beziehen, natürlich auch auf ein Land bzw. einen Staat.

Identität ist die Gesamtheit der Eigentümlichkeiten, die einen Menschen, ein Objekt oder eine Gemeinschaft kennzeichnen. Man kann Identität auch einfacher gesprochen durch den Begriff „Prägung“ ersetzen.

Der Begriff wird auch oft zur Charakterisierung von Personen verwendet.

Identität ist in der Politik heute hochaktuell, auch durch die Globalisierung und die Bildung vieler sozialer Gruppen und Bewegungen sowie die sexuelle Orientierung.

Zur Politisierung der Identität ist zu sagen, dass sie ihre Kraft aus der konservativen Reaktion auf den Universalismus der Aufklärung bezog. Es bildeten sich nach der Aufklärung politische Klassen, national-kulturelle Identitäten im bürgerlichen Milieu und auf der anderen Seite in der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts ein linkes Klassenbewusstsein.

I. D. Bezogen auf eine Person:

Hier ist Identität eine Prägung (Wesenseinheit), welche sich im Verlauf des Lebens entwickelt. Man könnte sagen, es ist eine durch Erlebnisse und Einflüsse verfestigte Prägung, die sich jedoch auch ändern kann.

Diese Prägung erfolgt durch das unmittelbare soziale Umfeld und gegebenenfalls durch die größere soziale Ordnung, in der ein Mensch lebt. Man bezeichnet eine solche Prägung auch als „Habitus“. Es ist nach Pierre Bourdieu die allgemeine Grundhaltung eines Menschen, seine Neigungen und Veranlagungen und seine Lebensweise. Es ist die inkorporierte Position, die ein Mensch im sozialen Gefüge einnimmt.

Es gibt den oft benutzten Begriff: Der Mensch ist ein „zoon politicon“, ein Gemeinschaftslebewesen, dies bedeutet, er hat ein starkes Bedürfnis, Teil eines Ganzen zu sein, das heißt, einer Gruppe, einer Gemeinschaft zugehörig zu sein. Dies ist zuerst einmal die Familie, in der er aufwächst. Es ist die erste Erfahrung, die er macht und die ihm Halt und Orientierung gibt. Sie bietet ihm Schutz und Sicherheit. Der Mensch muss sich aber, wenn er älter wird, aus dem Einfluss der Familie, also von Vater und Mutter, lösen und eigene Wege gehen, das heißt eine eigene Identität entwickeln.

In der Kindheit und Jugendzeit bildet sich die basale Identität eines Menschen.

Es ist der Ort, wo er aufwächst, die Heimat, die Sprache, die Märchen und Mythen, die man ihm erzählt, das Essen, die Tracht oder Kleidung und auch Vereine, in denen er sich engagiert und die identitätsstiftend sein können.

Wesentlich ist jedoch der Einfluss des Elternhauses, die Haltung und Einstellung, die Vater und Mutter dem Jugendlichen vermitteln (oder auch nicht vermitteln).

Wichtig ist natürlich auch, an welchem Ort der Erde ein Mensch aufwächst, Nord- oder Südhalbkugel, dies bestimmt die Rasse, die Hautfarbe, die Lebensbedingungen, je nach den klimatischen Verhältnissen.

Grundsätzlich hat ein Mensch mehrere Identitäten:

  1. Die geschlechtliche Identität (Mann oder Frau oder sexuelle Minderheiten)
  2. Die geographische Id. (Europa, Asien, Amerika usw.). Die nationale Identität.
  3. Die heimatliche Id. Der Ort, an dem ein Mensch aufgewachsen ist.
  4. Die politische Id.
  5. Die religiöse Id.
  6. Die individuelle Id. Dies kann eine besondere Begabung sein, welche eine besondere Identität erzeugt.

Die Identitäten 1, 2 und 3 sind feste Größen und gelten für alle Menschen.

Bezogen auf eine Gruppe, eine Gemeinschaft oder einen Staat:

Nun lebt jeder Mensch in einem übergeordneten Gemeinwesen. Dies kann ein Stamm sein, in der Regel ist es jedoch ein Staat, eine Nation.

Hier steht am Anfang ebenfalls eine Entwicklung, welche jedoch zielgerichtet und zweckorientiert ist und in der Regel wenig Veränderungen zulässt und oft einen quasi ideologischen Charakter aufweist, z. B. der Kommunismus, eine konstitutionelle Monarchie, eine demokratische Verfassung usw.

Hier geht es immer um gemeinsame Interessen. Dies kann zum Beispiel im religiösen Zusammenhang ein Glaube sein, im gesellschaftspolitischen Sinne können es politische Konzepte und Ideen sein (Identitätspolitik).

Betrachtet man die Identität von Staaten, so muss man eine Unterscheidung treffen zwischen autoritären Staaten und Staaten mit einer liberalen, demokratischen Verfassung.

In einem autoritären System

Der autoritäre Staat wird dem Bürger weniger persönliche, individuelle Freiheiten zugestehen, da er den Bürger in der Regel zwingt, eine bestimmte Doktrin vorbehaltlos zu akzeptieren. Individuelle Identitäten werden durch Zwang, Propaganda und Indoktrinierung nivelliert. Er zwingt die Bürger, sich mit dem bestehenden System zu identifizieren. Ob die Bürger dies tun, hängt von der Persönlichkeit und Identität des Einzelnen ab. Solche Staaten bieten zwar weniger persönliche Freiheiten, aber dafür möglicherweise mehr persönliche Sicherheit für den Bürger.

Kirchliche Gemeinschaften sind ebenfalls autoritäre Einrichtungen. Es gibt eine Glaubenslehre, die das Gemeindemitglied bedingungslos akzeptieren muss.

In solchen Gemeinschaften geht es jedoch in Diskussionen moderat zu, man setzt sich zwar mit den Glaubensinhalten auseinander, aber an der Lehre selbst darf man letzten Endes nicht rütteln.

Ein erstes Fazit aus diesen Überlegungen ist wohl die Tatsache, dass es viele unterschiedliche Identitäten gibt. Mit all den Prägungen vor allem durch das Elternhaus und die sozialen Systeme, in die man hineingeboren wird.

Wie schon erwähnt können Staaten unterschiedliche Identitäten haben.

So steht die individuelle Identität eines Bürgers der Identität des Staates, in dem er lebt, gegenüber. Durch Gegensätze, die hieraus entstehen können, bilden sich oft konflikthafte Situationen, wie innere Unruhen und Aufstände, wenn die Bürger mit dem Handeln des Staates nicht einverstanden sind.

In einem autoritären System ist der Bürger gezwungen, sich anzupassen und die herrschende Doktrin zu akzeptieren. Wenn er das nicht tut, muss er in der Regel mit sehr gravierenden Folgen rechnen. Dies kann zu Gefängnis, Folter, ja sogar zum Tode führen. Er kann natürlich eine eigene Gesinnung entwickeln, die von der herrschenden Doktrin abweicht, dies bedeutet aber, dass seine individuelle Identität nach außen nicht sichtbar wird. Die Bürger sind mehr oder weniger gleichgeschaltet. Solche Systeme zeichnen sich in der Regel durch eine starke nationale Identität aus. Das Militärische, auch die militärische Erziehung der Jugend, hat eine große Bedeutung. Uniformen, Gleichschaltung sowie Überwachung der Bevölkerung sind die Wesensmerkmale einer Diktatur.

Autoritäre Staaten sind ja über viele Jahrhunderte gewachsene Gemeinwesen, die in der Regel eine ethnisch homogene Bevölkerung aufweisen. Dies bedeutet, dass das Entstehen einer „Multi-Kulti“-Gesellschaft nicht zugelassen wird, weil dies mit der straffen, herrschenden Ideologie und Doktrin nicht vereinbar wäre.

Solche autoritären Gesellschaften dulden durchaus Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft in ihrem Machtbereich, sie müssen aber politisch und ideologisch auf Linie sein.

In einem liberalen, demokratischen System

Eine parlamentarische Demokratie ist gekennzeichnet durch eine Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Jurisdiktion, wobei ein Mehrparteienparlament aus freien und geheimen Wahlen hervorgegangen sein muss. Die Bürger eines solchen Staates genießen eine große individuelle Freiheit in Bezug auf ihre Lebensgestaltung. Oft ist die Bevölkerungsstruktur nicht nur durch eine homogene Ethnie gekennzeichnet.

Durch Zuzug haben viele Demokratien einen multikulturellen Charakter.

Die Demokratie ist der Überbau, der die Vielheit als Einheit bestehen lässt, ähnlich dem „Imperium romanum“, das viele andere Kulturen erobert hat, aber ihre Götter, Sitten und Gebräuche unangetastet ließ.

In den demokratisch verfassten Staaten herrscht Frieden, weil die Bürger die Autorität und Identität des Staates als Ordnungsmacht in der Regel anerkennen. Diese Staaten sind in der Vergangenheit, oft vor vielen Jahrhunderten entstanden und zeichnen sich aus durch eine gemeinsame Sprache und Geschichte. Demokratisch verfasste Gemeinwesen haben jedoch erst in der Neuzeit durch die Aufklärung und Ereignisse wie die franz. Revolution ihren liberalen, freiheitlichen Charakter bekommen.

Ein Wesensmerkmal dieser Gesellschaften ist die Tatsache, dass auch unterschiedliche Ethnien und Rassen in diesen Gesellschaften zusammenleben können. In der Regel gibt es jedoch eine dominierende ethnische Gruppe.

Politisch Verfolgte und Menschen, die wegen Kriegen oder klimatischen Veränderungen nicht mehr in ihren Ländern leben können, verlassen ihr Land und erhalten in vielen demokratischen Staaten Asyl.

Da es im menschlichen Zusammenleben letzten Endes immer um Macht, Einfluss und Besitz geht, können zugewanderte Gruppen bzw. Ethnien einen Staat in seiner gesellschaftlichen Struktur und Identität verändern, wenn sie bestimmte Räume und Betätigungsfelder einer Gesellschaft besetzen und dort autonom agieren. Dies muss aber nicht unbedingt als Bedrohung für die Gesellschaft angesehen werden, kann sich aber zu einer Bedrohung für den Staat entwickeln, wenn solche Gruppen abgeschottet in einer Parallelkultur leben.

Ein gutes Beispiel für Vielfalt in einer Gesellschaft ist die Volksgruppe der „Sorben“, welche seit Jahrhunderten in der Lausitz leben. Sie sind ein ganz normaler Teil der Gesellschaft und des Landes (zu dem sie sich natürlich auch bekennen). Sie haben aber ihre Eigenart, das heißt ihr Brauchtum, bis hin zu ihrer sorbischen Sprache bewahrt (eine Sprache, die heute noch in ihren Schulen gelehrt wird). Dies bedeutet, sie haben zwei Identitäten, diejenige des Landes, in dem sie leben, und die Identität der Volksgruppe, der sie angehören.

Hier können keine Konflikte entstehen, da die Sorben die Autorität des Staates selbstverständlich anerkennen und sich als ein Teil des Staates verstehen.

Die Frage lautet: Was lässt die Vielheit als Einheit bestehen, und können multikulturelle Strukturen gewachsene homogene Nationalstaaten verändern?

Die Identität eines Menschen passt sich an die Identität der Gruppe, in der er lebt, an. Wenn dieser Vorgang nicht stattfindet, das heißt, wenn viele unterschiedliche Identitäten und Ethnien in einem Gemeinwesen sich nicht an die herrschende Identität des Staates oder der Gemeinschaft anpassen, wird dieser Staat instabil, und es entstehen große, vielleicht unlösbare Konflikte. Es entstehen zwangsläufig Parallelgesellschaften, mit eigenen, mitgebrachten Regeln.

Eine solche Entwicklung setzt ein, wenn zu viele Menschen aus anderen unterschiedlichen Kulturen in einen Staat mit einer gewachsenen, homogenen Struktur einwandern und diese Gruppen oft auch noch untereinander verfeindet sind.

Wegen der Vielzahl unterschiedlicher Lebensformen werden die einzelnen Gruppen ihre Identität bewahren, um ihre Orientierung in einem multikulturellen Gebilde nicht zu verlieren.

Eine offene, freie, demokratische Gesellschaft kann nur bestehen, wenn die Gesellschaft nicht zu heterogen ist. Zuzug aus fremden Kulturen ist definitiv vorteilhaft und bereichernd, wenn er sich in Grenzen hält.

Diese Bereicherung kann kultureller oder auch wirtschaftlicher Art sein, auch die Gastronomie ist hier zu erwähnen.

Wenn jedoch Menschen aus über einhundert Ländern unkontrolliert in einen Staat einwandern (was aktuell geschieht), ist wohl ein Punkt erreicht, der zu Chaos führen kann.

Der demokratische Staat als Überbau und Ordnungsmacht ist dann überfordert.

In Bezug auf die Identität beziehungsweise Prägung eines Menschen gibt es zwei Dinge, die absolut privat und persönlich sind und auf die der Staat keinerlei Einfluss ausüben sollte. Dies ist zum einen die religiöse Haltung und zum anderen die Sexualität eines Menschen.

Was die Religion anbelangt, haben wir durch die „Aufklärung“ des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts in Europa eine Trennung von Kirche und Staat erreicht, was einen gewaltigen Fortschritt darstellt, da religiös definierte Staaten in der Geschichte und bis zum heutigen Tage in ihrem Handeln zu Krieg und Ausgrenzung führen. In einem solchen Falle wird Religion zur Ideologie.

Was die Sexualität anbelangt, ist zu sagen, dass der Staat diese sehr persönliche und intime Sphäre des Bürgers respektieren und achten muss, allerdings hat der Staat die Verpflichtung, sexuelle Minderheiten zu schützen.

Fazit:

Identität ist Einzigartigkeit, aber es gibt nach dem Gesetz der Polarität auch die Andersartigkeit. Diese Prämisse schafft die Gegensätze im Zusammenleben der Menschen. Identität entsteht immer in sozialen Zusammenhängen. Sie ist die Ursache für die Bildung von Ideologien und Weltanschauungen und ist oft verantwortlich für Kriege und großes Leid, auf der anderen Seite aber auch für Glück, Sicherheit und Geborgenheit in einer Gruppe bzw. Gemeinschaft.

Die Identität bzw. Prägung eines Menschen ist ungeheuer wichtig und bestimmt das Leben eines Individuums. Das Zusammenleben verschiedener Identitäten ist jedoch das große Problem im Zusammenhang mit den heutigen Migrationsbewegungen. Durch die Globalisierung geschieht zwar eine gewisse kulturelle Nivellierung der Menschen, welche weniger wünschenswert ist und zu einem Verlust von Identität führt, grundsätzlich bleiben aber die kulturellen und vor allem die religiösen Unterschiede bestehen.

Die Lehre, die man daraus ziehen kann, könnte sein: Ich muss versuchen, das Anderssein des Mitmenschen zu verstehen und es akzeptieren, auch wenn es mir nicht gefallen mag, da jeder seine eigene Identität hat. Nur so ist ein friedliches Zusammenleben möglich. Jede Gesellschaft, die sich aus vielen unterschiedlichen Ethnien und Volksgruppen zusammensetzt, braucht einen staatlichen Überbau, zu dem sich alle bekennen müssen, um die Vielheit als Einheit bestehen zu lassen.

Dieser staatliche Überbau besteht in unserem Land aus der parlamentarischen Demokratie und den historisch gewachsenen Gegebenheiten und Strukturen.

Uwe Ruppenthal

Berlin, den 5.10.2023