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Essay 4 · Uwe Ruppenthal

Gewissheit versus Glauben

Zwischen Wissen, Zweifel und der Suche nach Sinn

In Bezug auf die Erkenntnisfähigkeit des Menschen ergibt sich oft die Frage:

Habe ich eine Gewissheit über eine bestimmte Sache oder einen Sachverhalt oder

kann ich an eine Sache nur glauben, das heißt, bin ich gezwungen, eine Vermutung anzustellen, weil ich den Beweis nicht erbringen kann?

Die Frage lautet also:

Wann handelt es sich bei einer Erkenntnis um Gewissheit, und wann nur um

bloße Annahme, Vermutung oder Glauben?

Was die uns umgebende materielle Welt anbelangt, ist der Mensch in der Lage, durch

wissenschaftliche Forschung und Beobachtung Gesetzmäßigkeiten und Wirkungs-

weisen der Natur zu erkennen und sie für seine Zwecke nutzbar zu machen.

Der berühmte Universalgelehrte und Astronom Galileo Galilei (1564-1641) ist hier ein gutes Beispiel. Er ist einer der Begründer der neuzeitlichen, exakten Wissenschaften. Er entwickelte die Methode, die Natur durch eine Kombination von

Experimenten, Beobachtungen, Messungen und mathematischen Analysen zu erforschen. Dies bedeutet, auch er traf zuerst einmal „Annahmen“, also er glaubte an

bestimmte Sachverhalte, die er dann durch Beobachtung und Messungen verifizierte.

So kam er über den Glauben (Annahmen) zu Gewissheiten. Grundsätzlich beruht alles menschliche Tun auf diesem Prinzip. Wir haben eine Idee, entwickeln einen Plan, experimentieren und schaffen etwas Neues.

Wir nehmen die materielle Welt über unser Bewusstsein wahr. Über diese Wahrnehmung haben wir Menschen eine absolute Gewissheit. Dies trifft ebenso zu auf die Existenz von Geist in unserem Körper, den wir im Gehirn verorten und von

dem manche Menschen annehmen, dass er nur existiert, solange wir leben.

Durch die Kenntnis der physikalischen Gesetze, die in der Welt herrschen, sind wir in der Lage, die Welt zu gestalten und sie nach unseren Wünschen auch zu verändern.

Wir schaffen eine Welt, auch unabhängig von der Natur.

Neue Entwicklungen setzen immer erst den Glauben an ein Gelingen voraus. Aus einer Idee entsteht ein Plan, man trifft Annahmen, experimentiert und setzt den Plan um. Wenn die Sache funktioniert, entsteht aus Glaube – Gewissheit.

Dies alles klingt sehr banal. Es führt aber zu der Frage, worüber wir Menschen überhaupt keine Gewissheit haben.

Nach unserem Verständnis muss im Leben alles einen Sinn, einen Zweck und eine Bestimmung haben. So leben wir im normalen Alltag zwar mit unseren Gewissheiten

aber wenn wir wirklich die Sinnfrage stellen, erhalten wir keine Antwort.

Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Was ist unsere Bestimmung? Wir sind nicht gefragt worden, ob wir eine gewisse Zeit auf dieser Erde leben wollen. Es ist zwar nur

eine begrenzte Zeit, da wir ja mit der Geburt auch zum Tode verurteilt wurden, und der Tod ist eine der wenigen absoluten Gewissheiten, die wir haben.

Vielleicht ist der Sinn des Lebens das Leben selbst. Dies wäre eine mögliche, aber unbefriedigende Erklärung. Es wäre keine Antwort auf die Frage nach dem Zweck und dem Grund unseres Erdendaseins.

Diese Überlegungen führen zwangsläufig zu der Frage nach dem Verursacher unserer

Existenz, der Erde und des Universums. Sie führen zur Frage nach einem Schöpfer.

Wechselwirkungen: Man kann über den Glauben zu Gewissheiten kommen, man

kann aber auch über Gewissheiten zum Glauben kommen.

Zu den wenigen Gewissheiten, die wir haben, gehört das Kausalitätsgesetz. Dieses Prinzip ist für uns Menschen eine unumstößliche Gewissheit. Es besagt ja, dass jede

Wirkung eine Ursache haben muss.

Die Schöpfung, die wir wahrnehmen, muss einen Schöpfer haben. Wir können uns nicht vorstellen, dass etwas aus dem „Nichts“ entsteht. Diese Erkenntnis führt uns zum Glauben, vielleicht auch zum Glauben an einen Gott.

Im religiösen Sinne könnte dies eine Theodizee (ein Gottesbeweis) sein. Nun ist dieser Glaube fast immer mit Zweifel verbunden, und die Ursache des Zweifels ist eben die Tatsache, dass wir keine Gewissheit haben. Mit diesem Dilemma müssen wir leben.

Die meisten Menschen folgen über alle Jahrhunderte diesem Pfad und gehen diesen Weg, den Weg zum Glauben an eine geistige Welt, ein Jenseits, ein irgendwie geartetes Leben nach dem Tode.

Es gibt jedoch auch Menschen, die diesem Weg nicht folgen können und im Materialismus verharren. Sie leugnen die Existenz einer geistigen Welt (überhaupt die Existenz von Geist außerhalb des Gehirns). Ein Grund für eine solche Haltung könnte sein, dass wir keinerlei Hinweise haben, dass Geist unsterblich ist und nicht vergehen kann. Auch Atheisten sind „gläubige Menschen“; sie glauben eben, dass es

keinen Gott, keine geistige Welt gibt. Man kann Gott nicht beweisen, aber man kann auch nicht beweisen, dass es ihn nicht gibt. Was den Materialismus anbelangt, ist zu

sagen, dass eine solche Haltung sehr verbreitet war in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg, als der sog. Existentialismus den Zeitgeist beherrschte. Es waren die vierziger, fünfziger und frühen sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

Bei dieser Geisteshaltung beherrschte der Begriff der „Absurdität“ das Denken.

Alles ist absurd; es gibt keinen Sinn im Leben, es gibt keine Gewissheiten und keine Bestimmung. Berühmte Vertreter dieser Denkschule waren Jean-Paul Sartre und Albert Camus.

Der Existentialismus sagt: Wir Menschen sind in die Welt geworfen und müssen versuchen, das Beste daraus zu machen.

Camus schreibt in seiner berühmten Schrift: Der Mythos von Sisyphos als Schluss-

satz: Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen (trotz der

Erkenntnis, dass die menschliche Existenz eine einzige Absurdität ist).

Wenn wir sagen: Der Glaube ist immer mit Zweifel verbunden, müssen wir dann nicht auch sagen, was wir als Gewissheit ansehen, kann ebenfalls mit Zweifel verbunden sein? Ist jede Gewissheit wirklich eine Gewissheit?

Die Gesetze der Naturwissenschaften, die mathematischen, die physikalischen Gesetze, die wir Menschen in unserem Alltag anwenden, um die Erde nach unseren Vorstellungen und Wünschen zu gestalten, sind wohl frei von jedem Zweifel. Sie sind

auf der Ebene des Seins, auf der wir Menschen uns bewegen, logisch und anwendbar.

Es sind die uns so vertrauten physikalischen Gesetze, welche auf Isaac Newton zurückgehen.

Wir sind allerdings auf unserer Seinsebene konfrontiert mit einem Makrokosmos (dem Universum) und einem Mikrokosmos, der subatomaren Welt.

Was das Universum anbelangt, gewinnt die Wissenschaft immer neue Erkenntnisse, aber letzten Endes verstehen wir nur sehr wenig von den Vorgängen im Universum.

Schwarze Löcher und sog. dunkle Materie, die im gesamten Universum vorhanden ist,

verstehen wir überhaupt nicht. Wir wissen auch nicht, welche Gesetze hier herrschen.

Meinungen können sich ändern. Es gibt überhaupt keine Gewissheiten. Der sog. „Urknall“ wird heute angezweifelt und ist wohl eine wissenschaftliche Fiktion.

(Es gibt keinen Anfang und es gibt auch kein Ende. Alles ist ewig.) Auch was die uns allen bekannte „Gravitation“ betrifft, die ja im ganzen Universum wirkt, gibt es noch sehr viele Rätsel.

Was die subatomare Welt anbelangt, hier hat die Wissenschaft gewaltige

Fortschritte gemacht durch die Quantenphysik, mit der Abkehr von der reinen

materialistischen Betrachtungsweise. Hier herrschen nicht die newtonschen Gesetze.

Hier bestimmen Möglichkeiten, vielleicht auch Zufälle, das Geschehen in der Welt der kleinsten Teilchen. Die „Unschärferelation“ von Werner Heisenberg zeigt uns, dass diese Teilchen oft nicht lokalisierbar sind und sich zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten aufhalten können. In der Quantenphysik tritt zur bisher wahrgenommenen Materie eine geistige Komponente hinzu, mit dem Ergebnis, dass alles letzten Endes Energie und Geist ist und Begriffe wie Bewusstsein Einzug halten in die Physik.

Fazit aus diesen Überlegungen:

Trotz der Tatsache, dass wir in der Lage sind, auf den Mond zu fliegen, gibt es sehr viele Phänomene in der Natur, die wir nicht erklären können.

Dieser Essay stellt die Frage: Wo haben wir Gewissheit und wo müssen wir glauben?

Was die realen, naturwissenschaftlichen Gesetze der Physik anbelangt, das heißt, was wir durch Beobachtung und Messung verifizieren konnten, da mögen wir eine Gewissheit haben.

Was viele Phänomene und Wahrnehmungen, über die wir keine Klarheit haben, anbelangt, da müssen wir weiter forschen und glauben. Dies trifft auch auf die Welt der kleinsten Teilchen, die Quantenphysik, zu.

Fiktionen: Was den Makrokosmos, das Universum anbelangt, da arbeiten wir mit Annahmen, über die wir wahrscheinlich niemals eine Gewissheit erlangen können. Wir forschen und erkennen viel, die großen Zusammenhänge werden wir aber niemals verstehen. Wir gehen von Annahmen aus und betrachten diese als wissenschaftliche Prämissen, z. B. der Urknall oder schwarze Materie usw.

Über den Sinn und die elementare Ursache unseres Daseins hier auf der Erde haben wir keine wirkliche Kenntnis . Wir forschen, wir erfinden, wir verändern die Welt, aber über die 3 Essentials: Sinn, Zweck und Bestimmung haben wir weiterhin keinerlei Wissen. Der Mensch kann sich aber entwickeln, er kann sich zu sich selbst hin entwickeln und versuchen, ein sinnvolles Leben zu führen. Er kann sich aber auch selbst zerstören durch Kriege und Zerstörung der Umwelt.

Aber trotz alledem sollten wir das Leben annehmen, als ein Geschenk Gottes oder als Herausforderung. Wir sind ein Teil der Natur und somit ein Teil dieses großen Wunders, welches die Welt darstellt, auch wenn die Welt voller Widersprüche und Leid ist.

Auch wenn wir vieles nicht verstehen, sollten wir uns auch weiterhin Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen (wenn wir nicht verzweifeln wollen).

Uwe Ruppenthal, Berlin, den 26.11.2023

Anmerkungen am Rande:

Sir Isaac Newton 1634 – 1727 war wohl der größte Physiker aller Zeiten (Gesetze

der Schwerkraft, Zusammensetzung des Lichtes usw.).

Im Zusammenhang mit „Geist und Materie“ ist es interessant zu wissen, dass Newton auch Hermetiker war und ein tief spiritueller Mensch. Er hat diese Seite seines Charakters aber nicht offengelegt, weil er sich gegen den damals beginnenden Zeitgeist gestellt hätte, der mehr und mehr materialistisch wurde.

Zitat: Was wir wissen, ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ist ein Ozean.

Berlin 24.6.2025