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Essay 10 · Uwe Ruppenthal

Gesellschaftliche Vereinsamung

Thema dieses Essays ist die bindungsgestörte Gesellschaft.

Im Essay Nr. 9 wurde auf die veränderte Kommunikation und ein verändertes Sozialverhalten in der heutigen, durch die Digitalisierung gekennzeichneten Zeit eingegangen. Dieser Essay soll die möglichen mentalen Auswirkungen dieser Entwicklung aufzeigen.

Wir erleben heute in großen Teilen der Gesellschaft eine dramatische Veränderung der psychischen Verfassung, insbesondere bei den jungen Menschen. Dies äußert sich in Ängsten, Depressionen und Einsamkeitsgefühlen.

Wir leben heute in einer bindungsgestörten Gesellschaft, in der viele, vor allem junge Leute trotz vieler Kontakte in den „sozialen Medien“ sich einsam fühlen.

Dies ergibt sich zwangsläufig, da beim Abtauchen in die digitale Welt der Austausch ja nicht von Angesicht zu Angesicht erfolgt und die Kommunikation dort inhaltlich von Interessengruppen bestimmt wird und in der Regel absolut unverbindlich ist (besonders in Bezug auf persönliche Kontakte und Freundschaften).

Dieser Sachverhalt trifft natürlich nicht auf die gesamte Gesellschaft zu. Es existieren auch heute viele gesunde, soziale Strukturen, vor allem die Familie, die soziale Urzelle einer jeden Gesellschaft (auch wenn bestimmte politische Strömungen versuchen, die Familie als Auslaufmodell darzustellen, zugunsten einer übertriebenen Individualisierung und Selbstoptimierung).

Die Familie hat in der Vergangenheit viele soziale Aufgaben übernommen, wie zum Beispiel die Aufzucht und Betreuung der Kinder und die Betreuung und Pflege der Alten. Sie bedeutet normalerweise für die Menschen einen lebenslangen Halt und Geborgenheit.

Dies ist auch heute noch der Fall, jedoch in viel geringerem Maße. Viele Frauen sind nicht mehr bereit, zuhause zu bleiben, den Haushalt zu führen und die Kinder zu betreuen.

Durch die Emanzipation und die veränderte Rolle der Frau in der Gesellschaft hat sich auch ihre Rolle in der Familie verändert. Es gibt heute durch Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau oft ein neues, gerechteres und sinnvolleres Zusammenleben in der Familie.

Was die Betreuung und Pflege der Alten anbelangt, muss, wenn der Rentner oder die Rentnerin sich nicht mehr selbst versorgen kann, der Lebensabend im Altenheim verbracht werden, wenn die Kinder auf Grund der heutigen Mobilität oft weit entfernt in einer anderen Stadt leben.

Nun zurück zur gesellschaftlichen Vereinsamung:

Wir treffen hier auf erschreckende Zahlen:

Wir leben im Zeitalter einer kontaktreichen Beziehungsarmut.

In den USA gab bei einer Umfrage die Hälfte der Studenten einer Universität an, dass sie an Angststörungen, Hoffnungslosigkeit, Traurigkeit und Einsamkeit leiden.

Dieser Sachverhalt führt natürlich zu einem verstärkten Konsum von Psychopharmaka, Drogen aller Art und unter Umständen bis hin zu Suiziden.

In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass in Europa geschätzte 600 Milliarden Euro zur Bekämpfung von psychischen Leiden jährlich ausgegeben werden.

Was sind die Gründe für diese Entwicklung?

Das Smartphone: Eine oft exzessive Nutzung, kein Austausch von Angesicht zu Angesicht, sondern über elektromagnetische Wellen.

Hohes Suchtpotential, für Kinder besonders problematisch.

Die Erosion der Familie, hierauf wurde schon eingegangen.

Die Beschleunigung des alltäglichen Lebens, alles muss möglichst schnell gehen, oft in sog. Multitasking-Situationen.

Leistungsanforderungen in der Arbeitswelt zeigen sich zunehmend auch im Privatleben (viele Dinge, die man auch nach Feierabend tun muss).

Eine Erziehungskultur, die auf Verwöhnung basiert.

Zunehmender Pornokonsum bei allen Altersklassen.

Eine Kultur des Angstmachens in den Medien, durch ständige Katastrophenmeldungen aus der ganzen Welt wird ein Weltuntergang heraufbeschworen.

Fazit:

Die Zunahme von „Vereinsamung“ sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Menschen in unserer modernen Gesellschaft wird auch verursacht durch eine immer stärker werdende Individualisierung und eine immer stärker werdende Kommunikation über die digitalen Medien.

Dies trifft in erster Linie auf die Abläufe in der Arbeitswelt zu, aber die Arbeit reicht heute auch in den privaten Bereich des Bürgers hinein, zum Beispiel das sog. Home-Office. Hier arbeitet man alleine, nicht mehr im Team. Dies trifft auch auf viele andere Tätigkeiten zu, die man bequem vom häuslichen Schreibtisch aus erledigen kann. All dies läuft ab ohne jede Kommunikation mit anderen Menschen.

Trotzdem begegnen sich die Menschen schon noch, sie laufen (auf ihr Smartphone starrend) auf dem Bürgersteig aneinander vorbei.

Die frühere Kneipenkultur mit viel Austausch und Spaß ist fast verschwunden. Es ist heute schwieriger geworden, in der Öffentlichkeit andere Mitbürger kennenzulernen und vielleicht ein Gespräch zu führen, weil jeder mit seinem Smartphone zugange ist.

Trotz dieser Entwicklung bewegen sich viele Erwachsene und Jugendliche (wie zu allen Zeiten) in der analogen Welt, in Sportvereinen, Jugendclubs, Interessengemeinschaften aller Art usw.

Wir Menschen haben sehr wirksame Mittel gegen „Vereinsamung“. Wir müssen die Gemeinschaft suchen (in welcher Form auch immer) und den Austausch untereinander.

Dieser Austausch kann natürlich auch digital über elektromagnetische Strahlung erfolgen, aber nicht in dem Ausmaß, wie das heutzutage der Fall ist.

Uwe Ruppenthal
Berlin, den 15.8.2026