Die Begriffe Gut und Böse korrelieren miteinander, denn nach dem Gesetz der Polarität muss es das Böse geben, da sonst das Gute nicht denkbar wäre.
Beide Begriffe sind ihrer Bedeutung nach völlig konträr, das heißt, sie schließen sich aus.
Aber was ist nun das Böse?
Ist es ein geistiges Etwas, eine geistige Macht, welche in unserer Welt und im
Universum existiert und wirkt? Damit wäre möglicherweise die Existenz des Teufels bzw. der Teufelin zu erklären, was ja auch im religiösen Zusammenhang geschieht.
Oder ist das Böse ein bestimmtes Verhalten des Menschen, welches sich erst im Laufe der Jahrtausende nach und nach herausgebildet hat?
Wahrscheinlich trifft beides zu.
Letzteres soll hier näher in den Fokus genommen werden. Nur der Mensch kann böse sein, in der Natur und der ganzen übrigen belebten Schöpfung gibt es nichts Böses.
Alle weiteren Überlegungen in Bezug auf das Böse führen zu den Gesetzen und Vereinbarungen, die der Mensch treffen muss, um ein Zusammenleben auf dieser Erde zu ermöglichen. Wenn nun jemand diese Gesetze und Verhaltensregeln missachtet
stellt er sich gegen die jeweilige Gemeinschaft, in der er lebt. Er wird bestraft oder gar aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Sein Verhalten wird als „böse“ angesehen.
Das Böse tritt immer in Beziehungen auf, das bedeutet, wenn in einer Beziehung die
etablierten Regeln und Verhaltensweisen nicht eingehalten werden. Dies kann auf verschiedenen Ebenen ablaufen.
zwischen zwei Individuen,
zwischen einem Individuum und einer Gemeinschaft, Gruppe oder Staat,
zwischen zwei Gemeinschaften oder Staaten.
Ein erstes Fazit könnte lauten: Wer Regeln, Vereinbarungen und Gesetze einhält
ist „gut“, wer dies nicht tut, ist „böse“. Dies klingt sehr banal. Das Böse ist jedoch keine feste Konstante, sondern eine sehr dehnbare, variable Größe. Man kann immer Dinge aus einem unterschiedlichen Blickwinkel betrachten. Das Böse ist als Fehlverhalten abhängig von Gesetzen und Regeln einer Gesellschaft. Diese können sehr unterschiedlich sein und sich auch ändern, sowohl in Bezug auf die Zeit und auch auf den Ort, an welchem sie gelten, da es zwischen Staaten zum Beispiel auch sehr große kulturelle Unterschiede geben kann. Was in einem Gemeinwesen erlaubt ist, kann in einem anderen streng verboten sein. Auch der Zeitgeist kann sich ändern, sowie die Mode sich ändert. Hier ist anzumerken, dass auch Staaten „böse“ sein können, wenn sie nicht rechtsstaatlich und demokratisch verfasst sind.
Entscheidend ist immer die innere Haltung eines Menschen, sein Habit oder sein Charakter. Hier ist vielleicht seine Kindheit und Entwicklung wichtig, die ihn geprägt hat und zu Verhaltensweisen und Handlungen geführt hat, die böse sind, im Sinne von Sünde oder eines Straftatbestandes. Solche Verhaltensweisen sind: Habsucht, Neid, Rachsucht, Mitleidlosigkeit, Mangel an Empathie usw.
Man könnte auch fragen: Kann das „Böse“ als Prägung schon in einem neugeborenen Kind angelegt sein, quasi als genetische Vererbung? Diese Frage kann man nicht beantworten – wir wissen es nicht. Hier ein Beispiel: Ein Kind wurde von seinem Vater misshandelt und ständig geschlagen – wird es dies auch später mit seinen Kindern tun? In vielen Fällen wird dies so sein. Es gibt aber auch Fälle, wo dies nicht zutrifft, wenn ein Vater, eben weil er in seiner Kindheit geschlagen wurde, seinem Sohn oder seiner Tochter dies nicht antut.
Es gibt keinen direkten Hinweis, dass sich das „Böse“ auf die Nachkommen übertragen und vererben könnte. Dies wird jedoch der Fall sein, wenn ein Mensch in einem kriminellen Milieu aufwächst, sich in seinem Verhalten am Verhalten der Gruppe orientiert und er selbst dann in der Regel auch kriminell wird und böse Dinge tut. Entscheidend ist eben immer die Prägung, die ein Mensch im Leben erfährt.
Das Wort „Böse“ ist ein ethischer, moralischer, quasi religiöser Begriff, der immer mit dem konträren Wort „Gut“ in Verbindung gebracht wird. Böse ist ein Fehlverhalten in Bezug auf einen bestimmten Verhaltenskodex, bei dem derjenige, der Böses tut, Schaden anrichtet und dadurch einem Kodex von Ge- und Verboten zuwiderhandelt.
Hier sind zuerst einmal die zehn Gebote zu erwähnen, die Gott dem Propheten Mose
auf dem Berg Sinai gegeben hat. Es sind fundamentale Gesetze, die bis zum heutigen Tage in allen Ländern und Kulturen mehr oder weniger anerkannt werden.
Die Hauptinhalte sind: Du sollst nicht töten, stehlen, nicht betrügen, kein falsches Zeugnis geben, keine Gewalt anwenden, die Eltern achten und keine anderen Götter anbeten. Diese zehn Gebote sind wohl das Fundament der heutigen Gesetzgebung und Jurisdiktion.
Es sind zum einen die Gebote der Glaubensgemeinschaften und zum andern die Gesetze der Staaten, mit Zivilrecht und Strafrecht.
Mit der Zeit hat sich in Bezug auf die Einhaltung dieser Gebote ein Begriff gebildet, die „Moral“. Sie ist die innere Haltung eines Menschen, welcher diese Gebote und Gesetze befolgt. Das Ganze kann noch durch sog. Tugenden ergänzt und abgerundet werden, wie z. B. Ordnungssinn, Sauberkeit, Fleiß, Bescheidenheit usw. Hinzu kommen Bestrebungen gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung usw.
Der Terminus -Moral- ist ein sehr fragwürdiger Begriff. Er wird oft missbräuchlich verwendet und man spricht beispielsweise oft von einer Doppelmoral. Man gibt etwas vor, zu dem man aber in Wirklichkeit nicht steht. Man sagt bewusst die Unwahrheit. Dies gilt insbesondere für die heutige Zeit, wo mit der Unwahrheit
(fake news) Handel getrieben wird. Der Begriff „Moral“ wird in einer Diktatur völlig
unterschiedlich definiert. Dies geschieht, wenn die Herrschenden in einer Gesellschaft Gesetze erlassen, die ihnen die Möglichkeit geben, die Beherrschten nach ihrer Doktrin zu beeinflussen und zu behandeln. Das bedeutet eine Doktrin mit ganz anderen Normen und Werten zu implementieren, was immer auf ein autoritäres System zutrifft.
In den Medien wirkt ständig eine Flut von Informationen auf uns ein, in Foren und
Plattformen kann jeder seine Meinung sagen. Dies hat natürlich eine große Faszination, ein offener Austausch. Auf der anderen Seite entstehen natürlich auch Aggressionen und Hass, der offen geäußert wird oft von sog. Wutbürgern.
Die Lüge wird zum festen Bestandteil der allgemeinen Kommunikation. Was ist richtig, was ist falsch? Hinzu kommen fragwürdige Entwicklungen wie „künstliche Intelligenz“. Es wird für den normalen Bürger immer schwieriger, zwischen „Gut“ und
„Böse“ zu unterscheiden, auch zwischen der Realität und einer artifiziellen Welt.
Hier noch ein anderer erwähnenswerter Aspekt: Das Böse kann auch verblassen, wenn ein Soldat im Krieg während einer Kampfhandlung einen gegnerischen Soldaten tötet, wird er das nicht als eine böse Tat empfinden, sondern als eine Notwendigkeit.
Er muss sein Land verteidigen. Er verstößt nicht gegen die Gesetze, er tut nichts Böses.
Auch Hitler oder Stalin haben ihre Handlungen nicht als etwas Böses angesehen, sondern als eine Notwendigkeit. Alles hängt immer von der herrschenden Ideologie und Doktrin ab.
Hier ist ein Zitat aus Schillers Wallenstein angebracht: Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären.
Ich möchte diesen Essay mit der Betrachtung abschließen, wie sich das Böse in der Geschichte der Menschheit möglicherweise entwickelt hat, da man vermuten kann,
dass es nicht von Anbeginn in diesem Ausmaß vorhanden war.
Es existieren auf der Erde zwei Gattungen von Lebewesen, die Menschen als relativ
homogene Gattung und die Tierwelt in einer ungeheuren Artenvielfalt.
Im Gegensatz zum Menschen töten die Tiere, um zu überleben. Dieses Töten läuft in einer gewissen Ausgewogenheit ab, damit die Artenvielfalt erhalten bleibt.
Wie verhält es sich nun mit den Menschen, was das Töten anbelangt? Jahrtausende,
ja Millionen von Jahren lebte der Mensch in, mit und von der Natur. Sie lebten, und dies ist wichtig, nach den Verhaltensmustern der Tierwelt. Sie lebten in Höhlen und
gingen auf die Jagd. Durch Geschicklichkeit und gemeinsames Handeln gelang es ihnen, ein Tier zu erlegen und so ihr Überleben und den Fortbestand ihrer Art zu sichern.
Die neolithische Revolution: (in Mitteleuropa um 7500 vor unserer Zeit)
Tiere töten also, um zu überleben, dies traf auch auf die Menschen zu, solange sie noch Jäger und Sammler waren. Es änderte sich jedoch dramatisch, als der Mensch nach
und nach vor etwa 12000 bis 7500 Jahren sesshaft wurde. Diese größte Zäsur in der
Menschheitsgeschichte führte zu einer radikalen Veränderung der Lebens-
bedingungen, nicht nur was die Ernährung anbelangt, sondern die Beziehungen der Menschen untereinander änderten sich. Es muss allerdings gesagt werden, dass sich
diese Veränderungen über einen Zeitraum von vielen Jahrtausenden vollzogen haben.
Lange Zeit lebten Jäger und Sammler und Ackerbauern wohl auch friedlich nebeneinander. Dies bezeugen auch die weltberühmten Ausgrabungen im anatolischen „Göbekli Tepe“, wo auch offensichtlich gemeinsame Rituale und Feste gefeiert wurden.
Mit dieser Sesshaftwerdung und dem Betrieb von Ackerbau und Viehzucht kam der BESITZ in die Welt. Der Mensch besaß ein Stück Land, das er bestellte und das ihm eine sichere Lebensgrundlage bescherte. Er musste nicht mehr ständig auf die Jagd gehen, wurde jedoch mit völlig neuen Anforderungen konfrontiert.
Diese Veränderung war quasi die Vertreibung aus dem Paradies. Der Mensch verlor seine Unschuld (siehe hierzu die metaphorische Aussage über den Sündenfall in der Bibel, im Buch Genesis 3 für den ersten Verstoß der Menschen gegen Gottes Gebot). Dieser Akt des Ungehorsams markiert den Beginn des BÖSEN und des Leidens auf der Erde, die Vertreibung aus dem Paradies, dem Garten Eden (Gen 2,17). Im Garten
„Eden“ konnte Habsucht und Streit nur entstehen, wenn ein Mann die Partnerin eines anderen Mannes begehrte. Daher das achte der zehn Gebote, die Moses vom Herrn
empfangen hat: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib (sowie Hab und Gut).
Die großen Probleme und das Böse kamen mit dem Landbesitz in die Welt.
Der Besitz musste verteidigt werden, es entstanden Kriege, Mord und Totschlag.
Ein Vater konnte das Stück Land, das er bestellte, nur einem Sohn übergeben und
nicht teilen und allen Söhnen zukommen lassen. Kain tötet seinen Bruder Abel,
ein früher Mord.
Ein Ergebnis der Sesshaftwerdung war – Neid, Habsucht, Gier nach Macht, Unter-
drückung und Zerstörung. Dies ist auch heute noch im Übermaß in unseren Gesellschaften auf der Erde zu sehen. Besonders die Habsucht hat ungeheuere Ausmaße angenommen.
Fazit:
Gut und Böse, beide Eigenschaften sind im Menschen angelegt. Wie sich ein Mensch nun im Leben entwickelt und verhält, hängt einmal von seinem Naturell beziehungsweise von seiner Prägung ab, jedoch wesentlich stärker von seinem Habitat und seinen allgemeinen Lebensumständen. Böses Tun wird niemals verschwinden, es wird auch genährt durch unterschiedliche weltanschauliche Gesinnungen und Ideologien, die oft zu Auseinandersetzungen und Kriegen führen,
aber das Gute wird wohl immer überwiegen, sonst könnte die Spezies Mensch nicht überleben.
(Lekt. hierzu: Erich Fromm, Die Seele des Menschen)
Uwe Ruppenthal
Berlin, den 9.3.2024 und 26.5.2025