Autorität:
Der Begriff Autorität ist sehr ambivalent, er kann vieles bedeuten und diese Bedeutungen können sich auch widersprechen. Ein Staat kann autoritär sein, aber auch ein Mensch kann autoritäres Verhalten zeigen.
Autoritäre Staaten sind Diktaturen mit den bekannten Strukturen und Verhaltensmustern. Das Augenmerk soll hier mehr auf den Menschen mit autoritärem Verhalten gerichtet sein. Hier muss man eine deutliche Ambivalenz wahrnehmen. Die stärkste Autorität erfährt der Mensch unmittelbar nach der Geburt, und diese Autorität wird ihn lange begleiten. Es sind Vater und Mutter, welche das Kind beschützen und umsorgen und es auf seinem Weg ins Leben prägen. Im menschlichen Zusammenleben geht es sehr oft um Abhängigkeiten, um Führen und Geführtwerden, da muss die führende Person der Verantwortliche, der Erfahrene, der Klügere und Stärkere sein. Diese Attribute verleihen ihm Autorität.
Die gesellschaftliche Wirklichkeit zeigt uns aber, dass nicht jeder, der eine Führungsposition einnimmt, über diese eben genannten Fähigkeiten verfügt. Einige, die im sozialen Gefüge führend tätig sind, das heißt Macht ausüben, tun dies unter Umständen missbräuchlich. Die Autorität eines Amtes führt oft durch Herrschsucht zu Missbrauch. Untergebene werden erniedrigt, es wird unbedingter Gehorsam und Anpassung eingefordert, es herrscht ein Überlegenheitsgefühl usw.
Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts entstand eine Bewegung in Deutschland (die sog. Achtundsechziger), welche die alten Autoritäten in Frage stellte und hinwegfegen wollte.
Der Nachhall dieser Bewegung wirkt bis heute nach. Viele Veränderungen waren notwendig und positiv. Manche Veränderungen haben sich aber in der Gesellschaft als eher negativ erwiesen, so die antiautoritäre Erziehung in den Schulen zum Beispiel. Viele Lehrer werden heute nicht mehr als Autorität wahrgenommen, weil sie nicht wirklich sanktionieren können, das heißt bestrafen können. Der Respekt vor dem Lehrer ist oft verloren gegangen. Wir leben in einer Zeit, in der Tradition nicht mehr als Kompass im Leben dient und das Prinzip des Lernens über Vorbilder aus der Mode gekommen ist.
Die politische Linke steht den Begriffen „Autorität und Tradition“ völlig ablehnend gegenüber, weil sie nur den negativen Aspekt dieser Begriffe sieht.
Es gibt auf der anderen Seite die positiven Aspekte des Begriffes „Autorität“.
Eine Person, die führt, muss für die Geführten eine Vorbildfunktion erfüllen.
Durch Stärke, Erfahrung, Selbstsicherheit und Einfühlungsvermögen gewinnt eine solche Person eine natürliche Autorität.
Autorität ist immer auf eine Person bezogen. Es ist eine Person, die innerlich gefestigt ist, die keiner Herdenmentalität folgt, keinem Zeitgeist mit seinem Momentum der Meinungen und Moden hinterherläuft und in der Lage ist, gefasste Beschlüsse umzusetzen.
Autorität ist absolut notwendig in Bezug auf die Politik, den Politiker, den Lehrer, den Polizisten, die Eltern in Bezug auf die Kindererziehung.
Autorität bedeutet, das Bestimmende, das Notwendige zu tun, wonach sich andere zu richten haben. Autoritär handeln kann nur derjenige, dem man Respekt entgegenbringt.
Fazit:
Wir leben heute im Jahre 2024 in einer Zeit, in der es wenig Orientierung und Werte gibt. Traditionen zählen nicht mehr, die Kirchen haben kaum noch Einfluss, die Familie wurde zum Auslaufmodell, und Vaterland und Patriotismus sind völlig von der Bildfläche verschwunden. Autoritäten werden oft nicht mehr anerkannt. Geblieben ist ein allumfassender Individualismus, die sexuelle Diversität, die Selbstoptimierung und der Konsum.
Das Ergebnis dieser Entwicklung ist die Zunahme von Erkrankungen (besonders psychischer Erkrankungen) durch Medienkonsum, Digitalisierung und Pandemie sowie Vereinsamung und eine immer stärker werdende Lebensuntüchtigkeit und mangelnde Resilienz bei vielen Jugendlichen.
Dies alles bei einer stetig zunehmenden äußeren Bedrohung durch Kriege und Klimaveränderungen.
Was wir heute in unserer Gesellschaft brauchen, ist eine Reduzierung des Spaßfaktors in unserer Spaßgesellschaft, eine Reduzierung der Informationen in unserer Informationsgesellschaft und dringend eine Reduzierung der Güter in unserer Überflussgesellschaft. Vielleicht könnte man sagen: Sinnvoll und notwendig ist die Rückkehr zu einem eher einfachen Leben, welches auch für den Bürger weniger Anforderungen und Belastungen bringen würde. Dies wird sehr wahrscheinlich auch eintreten durch Veränderungen in der Weltwirtschaft, durch mögliche Kriege und durch die Klimaveränderungen. Wir sind jedoch auf solche Ereignisse in keiner Weise eingestellt und vorbereitet. Dies ist ein großes Problem.
Disziplin:
Dies ist ein äußerst delikater Begriff. Man verbindet ihn sofort mit Strammstehen, Gehorsam, Zwangsmaßnahmen, Unterordnen, Bestrafung, Gewaltanwendung usw.
Man kann diesen Begriff auch völlig anders interpretieren.
Disziplin kann generell bedeuten, Zurückhaltung zu üben, sich nicht von Emotionen zu Handlungen hinreißen zu lassen, die man besser nicht tun sollte. Disziplin hat immer etwas mit Ordnung, mit geordneten Abläufen zu tun. Es ist ein bestimmtes Verhalten, welches mit charakterlichen Eigenschaften in Verbindung gebracht wird, wie zum Beispiel: die früher viel zitierten sog. „preußischen Tugenden“: Fleiß, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Bescheidenheit, Ordnung halten usw. Disziplin ist wohl auch eine solche Tugend.
Im sozialen Zusammenhang müssen gesellschaftliche Ereignisse wie Versammlungen, Aufmärsche, Sportveranstaltungen usw. immer in geordneten Bahnen ablaufen. Hier ist eine gewisse Disziplin absolut notwendig.
Auf das eigene Ich bezogen kann Disziplin bedeuten, im Alltag Dinge zu verrichten, die man nicht so gerne tut, die aber notwendigerweise getan werden müssen, das heißt, Tätigkeiten, zu denen man sich zwingen muss.
Fazit:
Autorität und Disziplin sind heutzutage in Teilen unserer Gesellschaft negativ besetzt, ja geradezu verpönt. Dies hängt wohl mit dem Individualisierungskult, der gegenwärtig herrscht, zusammen und geht wohl auf die sog. Achtundsechziger-Bewegung zurück. Der Grundtenor dieser Lebenseinstellung lautet: Wir befreien uns von allen Zwängen dieser Gesellschaft und lehnen Autoritäten und Disziplin ab. Man sieht bei diesen beiden Begriffen nur die negativen Aspekte. Dies ist eine eher pubertäre Haltung, so wie sich ein Jugendlicher gegen die Autorität der Eltern auflehnt.
Es ist wichtig zu beachten, dass Autorität und Disziplin in der damaligen Zeit (1968) von der Studentenbewegung sehr kritisch gesehen und abgelehnt wurden, denn diese Begriffe wurden in der Zeit des Faschismus schrecklich missbraucht.
Damals war die kritische Haltung diesen Begriffen gegenüber berechtigt, dies trifft jedoch nicht auf die heutige Zeit zu.
Wir leben heute in Deutschland in einem Rechtsstaat, dieser benötigt allerdings in manchen gesellschaftlichen Bereichen unseres Gemeinwesens mehr Autorität und auch mehr Disziplin. Es herrscht zu viel „laissez faire“, bedingt durch eine Zeit des stetig steigenden Wohlstands. Es gibt Menschen in unserem Land, die nicht bereit sind, durch Leistung ihren Beitrag zum Gemeinwohl zu erbringen. Die Zeit der „fetten Jahre“ scheint nun zu Ende zu gehen, mit all den Unwägbarkeiten, die die Zukunft mit sich bringt. Dies ist die Botschaft, die dieser Essay vermitteln will.
Abschließend sei noch gesagt, dass es in unserer Gesellschaft auch sehr viel Positives und viele Entwicklungen gibt, die hoffnungsvoll stimmen. Es gibt viele gesunde Strukturen, auch viel Hilfsbereitschaft und bürgerliches, ehrenamtliches Engagement. Abgesehen von Bedrohungen, die es gibt und immer gab, gibt es keinen Grund, an unserer Gesellschaft zu verzweifeln.
Hoffen wir, dass wir von guten und fähigen Autoritäten geleitet und geführt werden und dass genügend Disziplin vorhanden sein wird, die Zukunft zu meistern.
Berlin, den 3.4.2024
Uwe Ruppenthal